Aktuelle Forschung

Auf dieser Seite wird ein kurzer Überblick über interessante Forschungsergebnisse aus anderen Projekten zur Schlaganfallforschung gegeben.


Neue Studie zur lipidmodifizierenden Therapie nach Schlaganfall

In den vergangenen Jahren wurde eine Senkung der Blutfette (Lipide) durch Änderungen des Lebensstils wie eine ausgewogene Ernährung und körperliche Bewegung sowie spezielle Medikamente nach erlittenem Schlaganfall empfohlen. Unsicherheit bestand jedoch hinsichtlich des Ausmaßes der lipidmodifizierenden Therapie, sodass sich Diskussionen um die Festlegung eines sinnvollen Grenzwerts für Lipide ergaben. Dieser Frage gingen Wissenschaftler um Prof. Amarenco (Paris) in einer in Frankreich und Südkorea durchgeführten großen klinischen Studie nach, die kürzlich im renommierten „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Als besonders bedeutend wird die Rolle eines bestimmten Blutfettes, dem LDL-Cholesterin, angesehen, weshalb dieser Wert besondere Beachtung fand.

In der Studie wurden 2.860 Patienten mit Zeichen eines Schadens der Gefäßwand, (der sogenannten Arteriosklerose), die in den vergangenen 3 Monaten einen Schlaganfall oder in den letzten 15 Tagen eine vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns (transitorisch-ischämische Attacke, TIA) erlitten haben, für dreieinhalb Jahre nachbeobachtet. Dabei wurde bei der Hälfte der Patienten eine Senkung des LDL-Cholesterinwertes auf unter 70 mg/dL (1,8 mmol/L) angestrebt, während in der zweiten Gruppe ein LDL-Cholesterinwert von 90-110 mg/dL (2,3-2,8 mmol/L) als ausreichend erachtet wurde. Verglichen wurden beide Patientengruppen hinsichtlich des Auftretens von weiteren größeren Herz-Kreislaufereignissen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dabei zeigte sich ein statistisch bedeutsamer Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen hinsichtlich dieser Ereignisse, wobei Patienten mit niedrigerem LDL-Cholesterin weniger häufig betroffen waren. Die Studie zeigt damit, dass die konsequente und durch den LDL-Cholesterinwert geleitete, lipidmodifizierende Therapie einen entscheidenden Beitrag in der Sekundärprophylaxe, d.h. der Reduktion der Auftretenswahrscheinlichkeit eines weiteren Herz-Kreislaufereignisses leisten kann.

Besonders wichtig erscheint es dabei zu betonen, dass Patienten die verordneten Medikamente regelmäßig einnehmen und entsprechende Kontrollen der Lipide im Blut – ggf. mit dem Ziel einer Anpassung der stattfindenden Therapie – erfolgen. Zur Unterstützung soll innerhalb des sich in der Entwicklung befindlichen PostStroke-Managers eine digitale Erinnerungsfunktion bei der regelmäßigen Medikamenteneinnahme helfen. Bei Einnahmelücken sollen zudem die in der Nachsorge speziell geschulten Schlaganfall-Lotsen informiert werden, um mit den Patienten individuelle Schwierigkeiten bei der Medikamenteneinnahme besprechen zu können. Diese Bestandteile sollen zu einer bestmöglichen individuellen Schlaganfallnachsorge beitragen.

Referenz: Amarenco P, Kim JS, Labreuche J, Charles H, Abtan J, Béjot Y, Cabrejo L, Cha JK, Ducrocq G, Giroud M, Guidoux C, Hobeanu C, Kim YJ, Lapergue B, Lavallée PC, Lee BC, Lee KB, Leys D, Mahagne MH, Meseguer E, Nighoghossian N, Pico F, Samson Y, Sibon I, Steg PG, Sung SM, Touboul PJ, Touzé E, Varenne O, Vicaut É, Yelles N, Bruckert E; Treat Stroke to Target Investigators. A Comparison of Two LDL Cholesterol Targets after Ischemic Stroke. N Engl J Med 2020; 382: 9


INSPiRE-TMS

In einer aktuell veröffentlichen, federführend von der Charité – Universitätsmedizin Berlin durchgeführten internationalen Studie, wurde der Effekt einer strukturierten Nachsorgebehandlung nach kleineren Schlaganfällen und vorübergehenden Durchblutungsstörungen des Gehirns (den sogenannten transitorisch-ischämischen Attacken, TIA) untersucht. Dabei stellten die Forscher die individuelle Konstellation von Risikofaktoren bei den untersuchten Patienten in den Fokus und begleiteten Betroffene durch regelmäßige Termine bei erfahrenen und speziell ausgebildeten Pflegekräften. Ziel war die Vermeidung eines erneuten Schlaganfalls durch die Veränderung von Lebensgewohnheiten und regelmäßige Einnahme der Medikamente.

Leider konnte durch die zusätzliche Betreuung der Schlaganfallpatienten innerhalb der Nachbeobachtungszeit von etwa dreieinhalb Jahren kein direkter und verbindlicher Effekt auf das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erreicht werden. Wohl aber zeigte sich bei den Patienten mit intensiverer und strukturierter Nachsorge eine deutliche Reduktion von Risikofaktoren, was sich in besseren Blutdruckwerten, niedrigeren Cholesterinwerten und auch häufiger erfolgreicher Rauchentwöhnung zeigte. Insofern liegt ein positiver Effekt in Bezug auf das Auftreten zukünftiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen nahe, dessen statistische Abbildung in dem vergleichsweise kurzen Beobachtungszeitraum unter Studienbedingungen lediglich nicht gelang.

Wir freuen uns, dass das Thema Schlaganfall-Nachsorge in der aktuellen Forschung an Bedeutung gewinnt und dass innovative Versorgungskonzepte diskutiert bzw. in klinischen Studien bereits überprüft werden. Der im Projekt PostStroke-Manager vorgesehene, kombinierte Ansatz aus persönlichem Kontakt und digitaler Unterstützung könnte einen entscheidenden Schritt in der Weiterentwicklung innovative Versorgungskonzepte leisten und gleichzeitig spannende neue Impulse setzen.

Referenz: Ahmadi M, Laumeier I, Ihl T, et al. A support programme for secondary prevention in patients with transient ischaemic attack and minor stroke (INSPiRE-TMS): an open-label, randomised controlled trial. Lancet Neurology 2020; 19: 49-60


RE-SPECT ESUS-Studie

Zentraler Bestandteil der Nachbehandlung von Schlaganfällen ist die sekundärprophylaktische Medikation, die Zweitereignisse verhindern soll. Diese wird individuell nach Risikoprofil des Patienten festgelegt. Bei Patientinnen und Patienten mit bereits bekanntem Vorhofflimmern entscheidet man sich der Leitlinie folgend dabei zur oralen Antikoagulation, d.h. einer stärkeren „Blutverdünnung“ durch Tabletten.

Eine bestimmte Patientengruppe ist in dieses Risikoprofil aber schwer einzuordnen, nämlich Patienten, deren Befundkonstellation eine Ursache des Schlaganfalls in einer Herzerkrankung bzw. Rhythmusstörung (Vorhofflimmern) vermuten lassen, ohne diese zum Zeitpunkt des Schlaganfalls nachweisen zu können. Man spricht dann von einem „embolic stroke of undetermined source“ (ESUS).

In zwei Studien – zuletzt der RE-SPECT ESUS-Studie, die vergangenen Monat publiziert wurde – wurde untersucht, ob Patientinnen und Patienten mit ESUS (s.o.) von einer Antikoagulation profitieren, d.h. hierunter weniger Zweitereignisse eintreten als unter der Standardmedikation wie beispielsweise Acetylsalicylsäure.

Leider konnten hierbei keine Vorteile einer stärkeren „Blutverdünnung“ festgestellt werden, sodass in zukünftigen Studien weitere Diagnostik- und Behandlungsoptionen genauer untersucht werden müssen. Die Studie zeigt auch wie wichtig die Nachsorge bei Schlaganfallpatienten ist, da im Rahmen dieser regelmäßig nach Risikofaktoren für Zweitereignisse gesucht wird und die sekundärprophylaktische Medikation entsprechend angepasst werden kann.

Referenz: Diener HC, Sacco RL, Easton JD, Granger CB, Bernstein RA, Uchiyama S, Kreuzer J, Cronin L, Cotton D, Grauer C, Brueckmann M, Chernyatina M, Donnan G, Ferro JM, Grond M, Kallmünzer B, Krupinski J, Lee BC, Lemmens R, Masjuan J, Odinak M, Saver JL, Schellinger PD, Toni D, Toyoda K; RE-SPECT ESUS Steering Committee and Investigators. Dabigatran for Prevention of Stroke after Embolic Stroke of Undetermined Source. N Engl J Med 2019; 380: 1906-1917.